Zeitzeugenbegegnung

Ein Bericht über die Zeitzeugenbegegnung mit Shlomo Wolkowicz am 10.12.13 in der 9c.

Im Dezember 2013 kam Herr Wolkowicz, geboren am 1.1.1924 in Jagielnica (Polen), zu uns nach Berlin und an unsere Schule. Er ist einer der wenigen, die den Völkermord an den Juden überlebt haben und er berichtet nun von dieser sehr grauenvollen, harten aber leider auch wahren Zeit. Unterstützt und ermöglicht wurde die Zeitzeugenbegegnung mit Herrn Wolkowicz durch die Organisation Miphgasch. Wir haben es sehr geschätzt eine solche Person treffen zu dürfen und an einem Teil seiner Lebensgeschichte teilnehmen zu können.

 

Wir waren sehr aufgeregt am Tag der Begegnung mit Herrn Wolkowicz. Lauter Fragen gingen durch unsere Köpfe: Was wird er uns von seiner Geschichte erzählen? Wie wird er uns seine Geschichte erzählen? Wird es sehr traurig? Doch als Herr Wolkowicz den Raum betrat wurde es ruhig und die Fragen interessierten keinen mehr. Alle Augen waren auf den Mann gerichtet, der all die Greueltaten der Nazis überlebt hat und nun von ihnen berichten wird. Herr Wolkowicz ging nach vorne, trank ein Schluck Wasser, räusperte sich einmal kurz und fing an seine Geschichte zu erzählen …

 

Seine Flucht vor den Nazis begann, als seine Schule von den Nazis bombadiert wurde. Er und zwei andere Mitschüler überlebten den Anschlag. Kurz darauf beschloss Herr Wolkowicz, der zu der Zeit 18 war, zu seinem Onkel nach Zlochow zu fliehen. Dort lernte er auch das Mädchen Dora kennen, das damals bei seinem Onkel lebte. Ein Tag nachdem er bei seinem Onkel untergekommen war, waren die Nazis auch hier eingefallen und verlangten, dass alle Juden am kommenden Sonntag um acht Uhr auf dem Marktplatz erscheinen sollten. Herr Wolkowicz, der sich selbst auch Shlomo nannte, war derjenige, der beschloss, nicht dorthin zu gehen und sich in der Wohnung zu verstecken. Er erzählte uns, dass sie die ganze Zeit auf dem Boden saßen und sich nicht getraut haben zu reden, sich zu bewegen und zum Fenster zu gehen. Am Mittag klopfte es an der Tür und als keiner öffnete, traten zwei SS-Männer die Tür ein und nahmen Herr Wolkovicz, seine Tante, seinen Onkel und Dora mit.

 

Sie wurden zu einem Schloss in der Nähe des Dorfes gebracht, wo sie auf andere Juden trafen. Herr Wolkowicz fragte einen dieser Männer warum sie hier seien und er sagte ihm, dass er und seine Familie um acht Uhr auf dem Marktplatz erschienen waren. „Da wusste ich, dass wir nichts verpasst hatten“. Herr Wolkowicz und seine Familie wurden nun in den Innenhof des Schlosses gebracht, wo sie ein großes Loch voller Leichen vorfanden. Das Schloss wurde, bevor die Nazis in Polen eingefallen sind, von der Roten Armee als Gefängnis für politische Gefangene benutzt. Da die Russen zurückgedrängt wurden und sie ihre Gefangenen weder mitnehmen konnten noch freilassen wollten, haben sie diese vor die Grube gestellt und erschossen. Die Frauen wurden entlang der Hofmauer aufgestellt und die Männer mussten nun die Grube von den Leichen befreien und sie auf Pferdewagen legen. Nahezu jeder, der bei dieser Arbeit gestürzt oder gestolpert ist, wurde von den Soldaten hart dran genommen. So schilderte uns Herr Wolkowicz, dass er gesehen hatte, wie ein Mann gestürzt ist und er von den Solldaten solange getreten wurde, bis er tot in die Grube fiel. Nun stellten zwei Soldaten zwei Maschinengewehre auf, die sie an den Seiten der Grube positionierten. Auf Befehl des Kommandeurs wurden dann Salven in die Grube geschossen, in der sich auch Herr Wolkowicz zu diesem Zeitpunkt befand. Er überlebte. Am Nachmittag des Tages kam ein Offizier, der die Frauen freiließ. Herr Wolkowicz witterte seine Chance zu fliehen. Er krabbelte auf allen Vieren aus der Grube heraus zu seiner Tante und Dora. Dora machte den Vorschlag, Herrn Wolkowicz unter ihrem Mantel zu verstecken und ihn so mit nach draußen zu schmuggeln. Doch Herr Wolkowicz fühlte sich beobachtet und krabbelte zurück in die Grube. Wie sich herausstellte, wurde jede Frau einzeln kontrolliert und so war Herr Wolkowicz ein zweites Mal dem sicheren Tod entkommen. Am späten Abend wurde noch eine Gewehrsalve in die Grube geschossen. Diesmal wurde Herr Wolkowicz an der Hüfte getroffen und brach zusammen. Er erwachte unter einem Haufen von Leichen und er hörte wie es regnete. Er schob seine Hand durch die Leichen und spürte auf einmal die Regentropfen. Seine feuchte Hand zog er vorsichtig zurück und leckte das Wasser ab. Dies wiederholte er so oft, bis er wieder zu Kräften kam und sich aus dem Leichenberg befreien konnte. Dann fand er ein Loch im Zaun und kehrte zu seiner Tante zurück. Dort beschloss er, zu einem Dorf zu gehen, das von Ukrainern, die mit den Nazis eng zusammen arbeiten, besetzt war. Seine Tante meinte, es wäre reiner Selbstmord. Aber genau das war seine Absicht. Keine Jude würde sich trauen auch nur in die Nähe eines solchen Dorfes zu kommen, also, nach Herr Wolkowiczs Plan, würde der Verdacht nicht aufkommen, dass er Jude ist. Dies war auch der Fall. Er wurde von einer Familie aufgenommen und fühlte sich sicher, bis er eines Nachts mit einer Gruppe von Leuten unterwegs war und zwei sagten: „ Vielleicht ist er ja doch ein Jude.“ Er wusste, nun muss er wieder fliehen. Er fuhr per Anhalter zu dem Dorf seiner Eltern Richtung Osten. Als er dort ankam, war es schon 19:10 Uhr, also Ausgangssperre. Er sprang von der Ladefläche des Lasters und lief zwei SS-Männern in die Arme und wurde festgenommen. An dieser Stelle fragte er uns, warum er nicht drei Minuten später hätte kommen können. Auf der Wache wurden seine Sachen durchsucht und nach einer Weile kam einer der zwei Schulfreunde, der auch den Anschlag auf die Schule überlebt hat, in den Raum und sagte den Wachmännern, dass Herr Wolkowicz Jude ist. Man fand Briefe von einem Freund an Herr Wolkowicz, in denen der Freund die Nazis beschimpfte. Dies war Grund genug für die Wachmänner, Herrn Wolkowicz zusammenzuschlagen und ihn in eine Zelle zu stecken. Als Herr Wolkowicz in seiner Zelle aufwachte, wollte er sich sein blutiges Gesicht mit seinem Taschentuch abtrocknen. Als er nun aber mit seiner Hand in seine Hosentasche fährt spürt er sein Taschenmesser. Die Wachleute waren so auf die Briefe konzentriert gewesen, dass sie vergessen hatten, Herrn Wolkowicz zu durchsuchen. Mit diesem Taschenmesser ging Herr Wolkowicz zu der Holztür. Er ertastete die umgeschlagenen Nägel des Schlossbeschlages und fuhr nun mit seinem Messer darum herum, bis er das Schloss herausgeschnitten hatte. Er war frei!!!!

 

Von da an, so sagte er, war ein Tag schlimmer als der andere, mehr erfuhren wir allerdings nicht. Er machte einen großen Sprung und erzählte nun von seiner endgültigen Befreiung durch die Russen: Er versteckte sich in einer Ruine nahe der Mauer, die ihn jahrelang gefangen hielt. Er hörte die Schüsse, eine Salve nach der anderen. Was war da los? Nach einer Weile traute er sich aus seinem Versteck und sah zwei russische Soldaten auf sich zukommen. Er kniff sich in den Arm um sicher zu sein, dass er nicht träumte. Er lief den Soldaten entgegen und sie fragten ihn, ob er Jude sei. Er bejahte und sie sagten ihm: „Zeig uns noch einen Nazi und wir erschießen ihn.“ So gingen sie den Weg entlang und als sie um eine Ecke bogen, kam ihnen der Schulfreund entgegen, der Herr Wolkowicz auf der Polizeiwache verraten hatte. Herr Wolkowicz Finger war schon leicht gehoben und da fragte er uns, was wir gemacht hätten. Eine Mitschülerin meldete sich und sagte: „Ich hätte es nicht getan, weil Sie dann ja nicht anders als Ihr Schulfreund gewesen wären.“ Herr Wolkowicz nickte leicht und verbeugte sich vor ihr. Denn genau das war der Grund, warum er seinen Finger wieder sinken und den zitternden Freund passieren ließ. Nun war er wirklich frei!!!

 

Stille im Raum. Dieser Mann hat die NS-Zeit überlebt und hat uns gerade 1,5 Stunden, stehend und ohne Pause, von seinen schlimmsten Lebensabschnitten erzählt. Wow. Manche würden sagen: „ Respekt man!“, aber wir schwiegen einfach, ließen die erzählten Dinge auf uns einwirken, realisierten, dass dies keine erfundene Geschichte war, sondern dass viele Menschen damals, genauso wie Herr Wolkowicz, verfolgt, eingesperrt, gefoltert und vernichtet wurden. Nach einer Weile der Stille ergriff unser Lehrer Herr Quast-Cojocaru das Wort, allerdings waren es nur zwei Wörter: „Vielen Dank.“, aber genau diese zwei Wörter waren es, die uns wieder aufwachen ließen. Jetzt erinnerten wir uns wieder an die Fragen, die wir ihm stellen wollten. Nur langsam hoben sich ein paar Hände, denn der schon von vorne herein große Respekt hatte sich vergrößert. Eine Schülerin fragte, ob er seine Tante, seinen Onkel und Dora je wieder gesehen hat. Daraufhin erzählte er uns von einem Anruf vor drei Jahren…

 

Vor drei Jahren rief bei ihm eine Frau an und meldete sich auf Englisch und fragte, ob er Shlomo sei. Er bejahte und die Frau sagte: „Hier ist Dora.“ Er konnte es erst gar nicht fassen. Doch dann, so sagte er, haben sie beide lange geweint. Dora ist mit ihrer Familie in die USA geflohen, nachdem Herr Wolkowicz zu dem von Ukrainern besetzten Dorf aufgebrochen ist. Dora wollte mit ihrer Enkelin zu dem alten Schloss fahren, wo sie Herr Wolkowicz das letzte Mal gesehen hat und fragte ihn, ob er eventuell auch kommen wolle. Nacht kurzem Überlegen sagte er zu.

 

Er war vor Dora auf dem Innenhof des Schlosses und wartete auf sie. Als sie kam, fielen sie sich wieder in die Arme und weinten. Der Rasen, der nun dort gesät wurde wo früher die Grube war, war für Herr Wolkowicz in diesem Augenblick durchsichtig und er sah all die Leichen wieder vor sich. Er fing an auf hebräisch zu reden und für die Toten zu beten. Er meinte, von dem Tag an habe er sich als Aufgabe gemacht, von diesen Leuten zu erzählen, damit sie nicht vergessen werden.

 

Ich selbst fragte ihn, was er heute gegenüber den Deutschen empfindet und ob er sich nach Rache sehnt. Er antwortete mir, dass er keinerlei Rache empfindet und er vertraut uns, der Jugend von Deutschland, dass wir dafür sorgen werden, dass so etwas nie wieder passiert.

 

Außerdem erzählte er uns, dass er vor einigen Jahren in Wannsee, bei einem Treffen von Zeitzeugen war. Als er dort seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, stand in der letzten Reihe eine Frau auf und kam zu ihm nach vorne, weinte und umarmte ihn. Es war die Tochter des Offiziers, der den Befehl gab, die Frauen frei zulassen. Bis heute erhält er den Kontakt zu ihr aufrecht.

 

Heute hat er Kinder und Enkelkinder und für ihn ist das Schönste, sie in einem Umkreis von 300 Metern um sich zu haben.

 

Paul, 9c